Walter Listl 03.April 2010 Ostermarsch 50 Jahre Ostermarsch, ein runder und denkwürdiger Geburtstag ! (als PDF)
Genaugenommen
beginnt die Geschichte des OM schon vor 60 Jahren, 1950 als unter dem
Eindruck des Atombombeneinsatzes in Hiroschima und Nagasaki durch die
USA der Stockholmer Appell die Ächtung aller Atomwaffen forderte.
Darin hieß es:
„Wir
sind der Ansicht, dass die Regierung, die als erste Atomwaffen gegen
irgend ein Land einsetzt ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht und
als Kriegsverbrecher zu behandeln ist“
In der Folgezeit haben weltweit 500 Millionen Menschen diesem Stockholmer Appell zugestimmt.
1957 erklärte der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer in
einem Interview, die neue Generation von taktischen Nuklearwaffen sei
„…nur die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können
wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen
Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen.“
Am
17. April 1958 fanden Demonstrationen in Bremen, Kiel, München,
Mannheim, Dortmund Essen und Hamburg statt. In der Hansestadt standen
die meisten städtischen Verkehrsmittel fast eine Stunde still, um ihren
Mitarbeitern die Teilnahme zu ermöglichen.
Getragen
wurden diese Aktionen von den Kirchen, den Gewerkschaften, der SPD, der
Internationale der Kriegsdienstgegner (heute DFG/VK), den Kommunisten
(KPD war schon verboten) Wissenschaftlern und Kulturschaffenden.
Es
gibt einen Brief von Robert Scholl, dem Vater von Hans und Sophie
Scholl an die Teilnehmer der ersten OM´sche1960, darin schreibt er:
„Ich
sehe in den Plänen zu einem Atomkrieg eine schwere Verschuldung der
Menschen, die ihn vorbereiten, fördern und befürworten, ja sogar
derjenigen, die gleichgültig und unbeteiligt zusehen.
Die
Verschuldung kommt derjenigen nahe, die dem unmenschlichen Geschehen
der Nationalsozialisten ungerührt oder gar billigend gegenüberstanden“.
Soweit das harte Urteil von Robert Scholl, dem Vater der Geschwister Scholl.
Der Theologe Eugen Drewermann sagte auf der Kundgebung am 2o. Februar dieses Jahres in Berlin:
“Wir
hatten Leute an der Macht, die ausrechneten, dass bei einem atomaren
Erstschlag je nach Windrichtung zwischen 5o Millionen und 15o Millionen
Menschen sterben würden.
Diese Leute nennen sich heute Gewinner des Kalten Krieges.
Wir
sollten uns allen Ernstes fragen, ob sie nicht einen Sprung in der
Schüssel haben und ganz woanders hingehören, als in irgendein Parlament
oder auf eine Regierungsbank“
Einer der Mitbegründer der OM-Bewegung, Pastor Martin Niemöller begleitete diese Bewegung mit der Erkenntnis:
“…
heute ist die Ausbildung zum Soldaten die hohe Schule für
Berufsverbrecher. Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wenn sie
ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher
ausbilden“.
Soweit der damalige Kirchenpräsident Pastor Martin Niemöller.
Ich weiß sehr wohl, dass es verboten ist, Soldaten der Bundeswehr als Mörder zu bezeichnen.
Ich
darf also auch die wirkliche Bezeichnung des Bundeswehroberst Klein,
der den Massenmord von Kundus befohlen hat, nicht nennen.
Er darf nicht als Mörder bezeichnet werden.
Diese korrekte Nennung unterläge jener Strafverfolgung, der dieser Oberst offensichtlich nicht unterliegt.
Auf dem Weg der Bundeswehr-Auslandseinsätze,
von der Bombardierung Belgrads über die klammheimliche Komplizenschaft beim Krieg gegen den Irak
bis
zur Bombardierung des Tanklasters bei Kundus ist unser Land dort
angekommen, wo die Soldaten der Naziwehrmacht dereinst aufhörten – Im
Krieg gegen andere Länder.
Deshalb ist unser Ostermarsch noch immer wichtig – damit es auch nicht einmal zu wenig gesagt wird:
Bundeswehr und alle fremden Truppen – raus aus Afghanistan.
Afghanistan
hat in seiner dreitausendjährigen Geschichte nie ein anderes Land
angegriffen aber die Menschen dort erleben den inzwischen fünften Krieg
westlicher Staaten gegen ihr Land.
Traumatisierte
Kinder, die heute mit schreckgeweiteten Augen durch die Straßen
afghanischer Dörfer und Städte laufen, haben noch keinen Tag ihres
Lebens ohne Krieg und Bombenterror erlebt.
Die
europäischen Staaten haben dort eine Vergangenheit die so
blutbeschmiert ist, dass sich dieses Blut kaum von den Wänden der
Geschichte abwaschen lässt.
Diese Länder wie - auch die USA - sind die Letzten, die den Afghanen zu sagen hätten, wie sie zuleben haben.
Der Krieg gegen Afghanistan kostet täglich rund eine Milliarde Dollar.
Das heißt, jedem der 15 Millionen Afghanen könnte man täglich 70.ooo Dollar geben.
Können
wir uns vorstellen, was man auch nur mit einem Bruchteil dieses Geldes
machen könnte, wenn es den Menschen dort zugute käme?
Aber
es ist nicht die Unvernunft, die Uneinsichtigkeit oder Unbelehrbarkeit
der Militärs oder Politiker, die zum Krieg führt, sondern der
Rohstoffimperialismus der kapitalistischen Elitemächte, es ist die
militärische Durchsetzung der Kapitalverwertung im globalen Maßstab.
Eugen Drewermann fand dafür drastische Worte:
“Was
wir in Afghanistan sehen ist, dass Neokolonialismus, Imperialismus und
Militarismus ein und die selben Worte sind für eine internationale
Aggression rund um den Globus“. (Rede Februardemo in Berlin)
Und
es ist diese Aggression, die Armut, Verzweiflung und Terror
hervorbringt einen Terror, für den die indische
Literaturnobelpreisträgerin Arundati Roy ein eindrucksvolles Bild
gefunden hat:
“Der Terror ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die vom Imperialismus verwüstet wurde“
Deshalb sagen wir, die NATO ist aufzulösen wie jede andere kriminelle Vereinigung!
Dafür demonstrieren wir heute zum fünfzigsten mal.
Denn
- noch einmal 50 Jahre werden die Menschen dieses Planeten nicht
unbeschadet überstehen, wenn die Probleme nicht gelöst werden, gegen
die wir seit fünf Jahrzehnten auf die Straße gehen.
Der Krieg heute hat viele Gesichter und er findet nicht nur in Afghanistan oder in Palästina statt.
Unser
Land belegt einen traurigen dritten Platz der waffenexportierenden
Länder und Waffenexporte sind nichts anderes als Beihilfe zum
Massenmord.
Und wie man am Beispiel Griechenland leicht erkennen kann, auch ein Beitrag, um Staaten in den Staatsbankrott zu führen.
Oder
ist es nicht pervers, dass von Griechenland ein drastisches
Sparprogramm im Sozialbereich gefordert, aber gleichzeitig hinter den
Kulissen darauf gedrängt wird, Milliardensummen für deutsche
Waffensysteme auszugeben?
Griechenland ist der zweitgrößte Abnehmer deutscher Waffenexporte.
Und
ist es etwa kein Krieg, wenn die USA im vergangenen Jahr 138 Millionen
Tonnen Reis und etwa noch mal so viel Getreide verbrennen um sog.
Bio-Sprit herzustellen, während im selben Zeitraum alle 5 Sekunden ein
Kind verhungert und täglich 100.000 Menschen an Hunger oder seinen
unmittelbaren Folgen sterben?
Ist
die Androhung von Sanktionen gegen den Iran etwa keine Kriegserklärung
und erinnern wir uns noch daran, dass durch die UNO-Sanktionen gegen
den Irak 1,5 Millionen Iraker starben, ein Drittel davon Kinder?
Diese Kinder sind nicht gestorben, sie wurden ermordet.
Der ehemalige UNO-Beauftragte für Ernährung, der schweizer Soziologe Jean Ziegler stellte fest:
“Um
die großen Milleniumsziele der UN zu erreichen, also die schlimmsten
Plagen der Menschheit von Hunger über mangelnde medizinische Versorgung
bis unzureichender Bildung zu besiegen und die ganze sog. Dritte Welt
aus ihrer materiellen Not zu führen, bräuchte es laut UNO-Berechnungen
einen Betrag von 85 Milliarden Dollar fünf Jahre lang…“
Und weiter –
„Wenn ich sehe, dass in New York in einem Monat 3000 Milliarden Dollar versenkt werden
und
der amerikanische Finanzminister 700 Milliarden Dollar mobilisiert, um
diese Bankhalunken freizukaufen, dann sehe ich weiße Rassisten, die
sich nur um sich selber kümmern“
Für 20 Milliarden Dollar könnte nach UNO-Schätzungen allen Menschen der Zugang zu sauberem Wasser geschaffen werden.
Ebenso viel wäre nötig um die Slums rund um die Megastädte der Welt zu beseitigen.
Das ist weniger als ein Dreißigstel des Militärhaushaltes der USA.
Stattdessen
schützen wir uns militärisch vor den Menschen, die ihrem Elend
entfliehen wollen. 6000 von ihnen haben schon heute das Mittelmeer zu
einem Massengrab gemacht.
Und sie haben keine bessere Antwort als Frontex zur militärischen Abwehr der Flüchtlinge.
Und machen wir uns nichts vor:
Auch
das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen war eine Kriegserklärung
der reichen kapitalistischen Staaten an die Lebensinteressen der
Menschheit und künftiger Generationen.
Sie führen Krieg gegen die Natur, die sie ausbeuten, gegen die Hungernden, die sie ins Elend treiben.
Und für alle die Katastrophen die damit angerichtet werden, haben sie nur eine Antwort: Krieg
Nein, es ist nicht die Gier einzelner, die diesen Planeten ruiniert.
Es ist die Wachstumslogik einer kapitalistischen Produktionsweise, die für den Profit über Leichen geht.
Die Erfahrungen zeigen: Es gibt auch Kriege, in denen kein Schuss fällt.
Auch
mit dem Bau von illegalen Siedlungen oder dem Bau einer Mauer auf
palästinensischen Territorium und der systematischen Zerstörung der
Lebensgrundlagen eines Volkes kann man Krieg führen.
Unserer Erfahrung, dass die Hoffnung zuletzt stirbt folgte die Erkenntnis, dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt.
In der unappetitlichen Zeitung mit den großen Überschriften – Boulevardblatt wäre geschmeichelt, es ist eher ein Depperlblatt –
in
den Schlagzeilen dieser Zeitung folgte dem „Irren von Bagdad“ jetzt der
„Irre von Teheran“ der die Welt mit Atomwaffen bedrohe und Israel
auslöschen wolle.
Alles Lüge, damals wie heute!
Letzteres
eine nachgewiesene Falschübersetzung, ersteres vom ehemaligen Chef der
internationalen Atomenergiebehörde Muhammad El Baradei kommentiert:
dass „niemand im Iran Nuklearwaffen entwickelt.
Teheran
hat kein laufendes Atomwaffenprogramm aber jeder im Westen spricht
davon, dass Irans Atomwaffenprogramm die größte Bedrohung der Welt sei“
(Bulletin of the atomicscientists vom September 2009)
Ich
weiß nicht ob der Iran an Atomwaffen bastelt, aber es gäbe eine
einfache Lösung dieses Problems. Eine atomwaffenfreie Zone im nahen und
mittleren Osten entsprechend den Zielen des Atomwaffensperrvertrages,
den der Iran übrigens unterzeichnet hat im Gegensatz zu den meisten
seiner Nachbarstaaten.
Die Abschaffung der Atomwaffen darf man nicht den Politikern überlassen, egal wie sie heißen, egal aus welchem Land sie kommen.
Ex-Generalinspekteur
der Bundeswehr Klaus Naumann, heute in einem obskuren Gremium zur
Atomwaffen-Null-Lösung zusammen mit dem Chef der Münchner
Sicherheitskonferenz Ischinger und anderen bewährten Friedenskämpfern
riet in einer Studie noch 2008 zum Ersteinsatz von taktischen
Atomwaffen.
Nein-
wir werden das auch weiterhin schon selber machen müssen.
Die Chance, Atomwaffen zu beseitigen und Kriege aus der Welt zu schaffen ist
verzweifelt gering, aber es ist die einzige die wir haben, wenn wir am Leben bleiben wollen.
Danke,
dass ihr zu diesem Ostermarsch gekommen seid, dass ihr mitmacht auf
unserem langen Weg zu einer pazifistischen Revolution, für eine Welt
ohne Rüstung und Krieg.